Eigentlich war ich ziemlich beunruhigt, als ich am morgen ein komisches Gefühl auf dem transplantierten Auge hatte. Es war irgendwie gereizt. Und wenn ich mit dem Finger das Auge abtastete, konnte ich einen Gnubbel durch das Lid hindurch auf der Bindehaut fühlen. Auch im Spiegel konnte ich eine kleine Beule neben der Iris sehen.
Das machte mir Sorgen und so wollte ich das Auge lieber meinem Professor zeigen. Da hab ich Mittwoch Nachmittag allerdings niemanden erreicht und so hab ich bei Dr.Opel angerufen, da ich den ohnehin irgendwann mal aufsuchen wollte. Ich hatte schon interessante Sachen über ihn im Internet gefunden und es gibt ja auch eine Empfehlung in unserer Adressenliste. Allerdings bisher anonym und ohne Erläuterungen.
Tatsächlich durfte ich gleich vorbeikommen, wenn ich mich beeilen würde, sagte man mir am Telefon, als ich von meiner Beunruhigung erzählte. Ich bin also gleich zum Winterhuder Markt gefahren, in dessen Nähe seine Gemeinschaftspraxis mit einer weiteren Augenärztin (Frau Dr. Heimke-Reker) liegt. Es war etwa 16:15 Uhr. An der Anmeldung sagte man mir, es würde aber länger dauern, bis ich drankommen würde. So war es dann auch.
Die Praxis ist alles andere als eine Hochglanzprunkpraxis. Sie ist relativ eng und dunkel und hat dadurch ihren ganz eigenen Charme. Genau wie auf einer großen Segelyacht. Und genauso ist sie auch eingerichtet. Die Wände sind mit Holz verkleidet, in jeder Tür gibt es ein rundes Bullauge mit dickem Metallrahmen und überall findet man maritime Gegenstände wie Positionslampen, Kompasse und einige alte Steuerräder. Wirklich urig.
Nach der angekündigten Stunde in dem mit reichlich Kindern bevölkerten Wartezimmer wurde ich aufgerufen zu einer Voruntersuchung. Die fand in einem kleinen Raum statt, und der große Schreibtisch, auf dem viele Geräte und andere Dinge standen, die man in so einer Praxis braucht, war nichts anderes als eine uralte riesige Werkbank aus wurmzerfressenem Holz. Echt witzig.
Hier wurde ich dann von einer Assistentin befragt und Daten wurden aufgenommen. Die automatische Vermessung des transplantierten Auges klappte nicht und ich sollte mich vor Raum Nummer 3 setzen. Dr. Opel würde mich dann aufrufen.
Ich weiß nicht, wo die ganzen Leute herkamen, die dann noch vor mir aufgerufen wurden, aber ich hatte so wenigstens reichlich Zeit, mit einigen zufriedenen Patienten zu reden. So erfuhr ich zum Beispiel, dass der Doktor einige Zeit in Bangladesch war, um dort Bedürftige zu operieren, weil der Sinn eines Medizinstudiums nicht nur der sein könne, alten Damen ihre Augentropfen zu verschreiben. Und ich erfuhr, dass er für seine Augenfotografien tatsächlich schon internationale Preise bekommen haben soll.
Gegen 18:00 Uhr oder so holte mich Dr.Opel dann doch irgendwann rein, bot mir den Behandlungsstuhl an und schrieb noch vor einer Begrüßung erstmal wortlos die Erkenntnisse der vorherigen Untersuchung in seinen Computer. Das dauerte eine ganze Weile. Er scheint alles genau aufzuschreiben.
Dann sagte er plötzlich, nachdem er meine Daten auf dem Schirm hatte, ich wäre genau richtig bei ihm, da er gerade aus Ljubiliana in Tschechien zurück sei, wo er einen Vortrag über die Möglichkeiten der Behandlung des Keratokonus und seinen Schwierigkeiten gehalten habe. Vor allem über die Anpassung von Kontaktlinsen.
Und er sagte mir, dass er ein Verfahren entwickelt habe, bei dem er mit dem Laser die Peripherie von Keratokonus-Augen behandelt, um wieder bessere Visuswerte und eine bessere Kontaktlinsenverträglichkeit zu erreichen.
„Egal, was Sie aktuell zu mir bringt, heute wird unser Gespräch länger dauern! Ich hab einiges vor.“
Meine Meinung dazu war da offensichtlich nicht gefragt, es würde länger dauern! Als ich anbot, ich könne auch jederzeit wiederkommen, sagte er: „Nein, Jetzt sind Sie gerade hier!“
Als er mir das erste Mal in die Augen sah, wollte ich grad etwas dazu erläutern, als er mich unterbricht und mir stattdessen erzählt, was er auch alleine sehen kann: Ein schön eingewachsenes, völlig klares Transplantat mit kleinen Einschränkungen im unteren Bereich, auf die er später zurückkommen will. Dann auf der linken Seite eine spezielle Keratokonuslinse, die aber „Luft zieht“ und die unangenehm im Auge sein müsse, weil sie zu flach angepasst ist. Ich konnte das nur bejahen, da ich dort gerade meine Ersatzlinse trage, weil ich mir noch keine neue für meine verlorene machen lassen kann.
Zwischendurch wollte ich ihn kurz auf das aufmerksam machen, was der eigentliche Grund meines Besuches war, aber das schien ihn nicht so sehr zu interessieren, weil er nach dem Blick in meine Augen nichts schlimmes gefunden hatte. Ich erzählte von der Beule und er stellte es erstmal hintenan.
Ich schloss daraus, dass es dann ja wohl nicht so schlimm sein könne und er stimmte mir nickend zu.
Dann kam die Visusmessung, bei der ich rechts das Gerät an den Anschlag der eingebauten Gläser bei 8,5 Diop. Hornhautverkrümmung brachte und ca. 60% Schärfe erreichte. Links kam ich auf knapp 100% mit Linse.
Danach schickte er mich wieder ins Wartezimmer, in dem ja noch ein paar Patienten mit Terminen warteten. Ich bin übrigens in meiner Meinung bestärkt worden, dass man bei den besseren Ärzten einfach viel Zeit mitbringen muss. Ich glaube jeder Patient war später dran und länger da als geplant. Aber kaum jemand war genervt in der Praxis.
Da saß ich also wieder vor der Behandlungstür und lernte den Patienten kennen, mit dem ich mir an diesem Abend abwechselnd das Behandlungszimmer teilen sollte.
Es war inzwischen weit nach 19:00 Uhr und sämtliche Angestellten der Praxis waren schon vorbeigekommen, um sich in den Feierabend zu verabschieden.
Schon vor der Tür hab ich die Bilder herausgesucht, die ich ihm dann gleich auf meinem PDA zeigen wollte, weil ich von ihm wusste, dass er ein engagierter Augenfotograf ist. Wieder reingeholt zeigte ich ihm meine eigenen Augenbilder auf dem kleinen Computer und er fand sie gut. Erst Recht für Amateuraufnahmen. Auch von dem Gerät war er begeistert.
Interessant ist auch, dass Dr. Opel verschiedene Schulungsfilme gedreht hat. Unter anderem auch einen über die Anpassung von Linsen bei Keratokonus. Den werd ich mir bei Gelegenheit mal ausleihen, glaub ich. Überhaupt fand ich sehr sympathisch, dass er mir sagte, viele Ärzte würden viel zu schnell transplantieren, ehe alle Möglichkeiten von Kontaktlinsen ausgereizt sind. Man könne noch so viel machen, wenn man sich nur etwas Mühe mit der Anpassung gibt und so die Operation oft noch um fünf bis zehn Jahre hinauszögern. Die Transplantation ist nämlich seiner Meinung wirklich kein Garant für gute Sicht. Zu oft kommt es vor, dass die neue Hornhaut die Spannungen der originalen Hornhaut wieder übernimmt und so einen Astigmatismus hervorbringt. Genau wie bei mir passiert…
Jetzt begann der für mich spannende Teil der Untersuchungen, die ich ja eigentlich alle nicht bräuchte.
Er startet die Aufnahme und kommentiert alles mit Hilfe eines angeschlossenen Mikrofons. Mit der enormen Vergrößerung und den verschiedensten Lichtquellen und Beleuchtungswinkeln kann man perfekte Aufnahmen der Hornhaut machen. Er ist immer wieder begeistert von der guten Erkennbarkeit der Aufnahmen in dieser Vergrößerung.
Schon während der ersten Aufnahmen bemerke ich wie er (sinngemäß) sagt: „Dies ist noch ohne geweitete Pupillen. Mal sehen, was wir noch alles erkennen können, wenn wir den Patienten mit geweiteten Pupillen malträtieren“ Das macht mich zwar etwas stutzig, aber nicht weniger neugierig, auf das was noch alles kommen könnte.
Zwischendurch informierte er seine Frau, dass es wieder mal später werden würde. Außerdem verschwand er manchmal kurz um einige Happen zu essen, was ich sehr amüsant fand. Er schien solche spät-abendlichen Untersuchungen nicht zum ersten Mal zu machen.
Es folgten zwei Topografien von jedem Auge, die er mit einem modernen Topographen machte, wie ich ihn schon von Prof. Böhnke kannte. Nur dass bei diesem Gerät nicht mit roten sondern mit grünen Lichtringen gearbeitet wurde. Zusammen sahen wir uns die Aufnahmen an und er zeigte mir die Abnormalitäten, und erläuterte mir sogar, wie er die mit einigen Laser-Fräsungen verbessern könnte. Bei meinem transplantierten Auge ist wohl das Problem, dass die Hornhaut etwas zu flach ist, was er als einen Tisch bezeichnete. Zudem liegt dieser Tisch zu weit unten.
Von Geld oder Gebühren für die speziellen Aufnahmen war übrigens überhaupt nicht die Rede. Er freute sich irgendwie richtig, mich zu Gast zu haben und alle Geräte benutzen zu können, so schien es mir.
Die Lasermethode entwickelt er wohl schon seit einigen Jahren und hat wohl auch schon gute Ergebnisse erreicht. Ich sagte ihm schon, dass ich ja erstmal etwas vorsichtig bin und neue verfahren etwas septisch betrachte, aber er meinte, das er jedes Vorgehen ja auch begründen könne. Er erklärte mir das Prinzip so, dass im äußeren Bereich der Hornhaut, also dem flacheren Bereich, mit gezielten Laserabtragungen die Spannung aus der Hornhaut genommen wird und sich so etwas steiler stellt. Dafür wird der zentrale Bereich dann flacher und führt zu besseren Möglichkeiten zur Linsenanpassung oder sogar zu einem brillenkorrigierbaren Visus. Er sprach dabei nicht von perfekter Sicht, sondern von Verträglichkeit von Linsen bei Leuten, die vorher keine Linsen mehr vertragen haben.
Das hat mich doch sehr an Lomardis Methode erinnert und ich fragte ihn, ob er den denn kenne. Er antwortete mit Ja und erzählte mir auch gleich, dass Lombardis Methode auf dem Verfahren von Fyodorov, basiert. So richtig wollte er aber nicht darauf eingehen, weil er meint, dass dieses Verfahren mit einem Laser präziser umgesetzt werden könne, als mit einer Keratotomie. Das Prinzip scheint auf jeden fall sehr ähnlich zu sein, wenn er auch nicht so perfekte Ergebnisse anstrebt, wie Lombardi.
Wie genau er die Methode von Lombardi wirklich kennt, kann ich nach dem ersten Besuch noch nicht sagen, aber er war später begeistert, als ich ihm von Lombardis geplantem Besuch in Deutschland erzählte.
Ohne große Erklärungen verabreichte er mir dann Tropfen zur Weitung der Pupillen und bat mich wieder vor der Tür Platz zu nehmen. Der andere Patient kam wieder an die Reihe. Bei ihm wurde etwas ähnliches gemacht, glaube ich, denn auch er bekam eine Pupillenweitung. Vor der Tür musste ich schon etwas in mich hineingrinsen, weil der Arztbesuch eine so komische Entwicklung nahm. Immerhin war ich nun schon dreieinhalb Stunden in dieser Praxis und außer uns dreien waren ja auch alle längst nach Hause gegangen. Selbst die zweite Ärztin der Praxis hatte sich schon länger verabschiedet.
Er kam noch mal kurz vorbei, bevor er kurz in der Küche verschwand, die wohl eher eine Kombüse war, und verabreichte mir auf dem Rückweg mit einem Stück Brot im Mund noch ein paar mehr Pupillenweitungstropfen.
Er erklärte mir als ich wieder dran war, er würde einen Rote-Augen-Effekt provozieren, wie man ihn von Fotoblitzen her kennt. Durch die geweitete Pupille kann er mehr Licht von der Netzhaut reflektieren lassen. Und das reflektierte Licht würde er dann nutzen, um noch bessere Aufnahmen der Strukturen in der Hornhaut zu machen. Er hat offensichtlich schon ziemlich viel probiert und experimentiert, um die optimale Beleuchtung von Augen zu erreichen.
Dann kam der unangenehmste Teil der Untersuchungen. Mit grellem Licht in den verschiedensten Farben, das er mir direkt durch die weit offene Pupille jagte. Alter Schwede. Kein wirklicher Spass. Und dabei führte er gleichzeitig die Kamera, um sie scharf zu stellen, dirigierte mich und meine Augen durch Kommandos, wo ich wann hinsehen sollte und kommentierte auch gleichzeitig noch das aufgezeichnete Bild auf dem Video. Ein schönes Kommando war zum Beispiel: „Und jetzt bewegen Sie das Auge bitte unendlich langsam nach rechts.“ Das probiert mal
Nach der Tortur beim ersten Auge folgt die Tortur beim zweiten Auge und nach einer kleinen Kreislaufpause für mich und einer kleinen Suppenpause für ihn haben wir uns die Videos dann zusammen angesehen. Ich konnte zwar erst nicht all zu viel sehen, weil noch alles in den prächtigsten Farben schillerte, aber nach einiger Zeit und manuellem Scharfstellen meines Auges mit dem Finger ging es dann doch.
Und es war wirklich beeindruckend. Ich hatte ja schön öfter Videoaufnahmen gesehen, weil auch bei meinem Anpasser und meinem Arzt eine Videoaufnahme möglich ist, aber nicht in dieser Qualität und Vergrößerung.
Er zeigte mir genau, an welchen Stellen das Transplantat sauber eingewachsen ist und an welchen Stellen sehr viel Unruhe in der Narbe herrscht, was auch für den Astigmatismus verantwortlich sein kann. Vor allem ein Bereich stach hervor, was ich dann aber durch die nachträgliche Narbenentfernungs-OP erklären konnte. Das erklärte einiges.
Sehr beeindruckend war auch, dass er mir genau die Bereiche in meinem Keratokonusauge zeigte, in denen die Struktur der Collagenfasern der Hornhaut gestört ist und es so zu Unregelmäßigkeiten kommt, die eventuell die Vorwölbung nach sich ziehen. Er zeigte mir in Großaufnahme die geschwächte Hornhaut, die sich in einer faserigen Struktur äußert, die nun durch die spezielle Beleuchtung sichtbar wurde. Man könne die kranken Hornhautbereiche so sichtbar machen. Bei einer gesunden Collagenstruktur würde man keinerlei Struktur erkennen können.
Dann zeigte er mir noch einen seitlichen Blick in mein Hornhautepithel, die äußerste Hornhautschicht, die sich über den halben Bildschirm erstreckte. Wirklich spannend, vor allem für einen Mediengestalter und Technikfan wie mich.
Als er mir die Collagenfasern erklärte, erzählte er auch von der Methode der Vernetzung, bei der mit UV-Licht die Strukturen gestärkt werden. Ich sagte ihm, dass ich mich etwas damit auskenne und auch dass ich weiß, dass das vor allem in Dresden bei Prof. Kohlhaas entwickelt wird. Er entgegnete, dass er Prof. Kohlhaas persönlich gut kenne und dass er dem auch demnächst seine Laser-Methode vorstellen will. (Wenn ich ihn richtig verstandne habe) Die Augenaufnahmen von Dr. Opel scheint Prof. Kohlhaas auch schon zu kennen.
Er hat dann noch mit einem Handspiegel den Augenhintergrund untersucht, als ich ihm erzählte, dass bei mir zum ersten Mal die Pupillen geweitet wurden. Das fand er sehr peinlich für alle anderen meiner Augenärzte. Ich konnte nicht widersprechen.
Was er dabei am faszinierendsten fand, konnte er auch nicht verbergen und freute sich deutlich, als er mit einfachem Handlampenspiegel in mein Auge sah und die Strukturen wieder erkannte, die er vorher als Topografiebild am Computer gesehen hatte. Er sah den „Tisch“ meiner Hornhaut und fand es ganz faszinierend.
Weil ich ihn als so interessierten und engagierten Arzt mit Ahnung von Keratokonus und Linsenanpassung kennengelernt habe, hab ich ihn auch auf unser Treffen angesprochen, worauf er sofort anbot, dort auch einen Vortrag halten zu können, wenn wir das wollen und wenn er Zeit hat. Es war ihm auch egal, dass das Treffen nicht in Hamburg, sondern in Stuttgart stattfinden soll, nur der Termin hat ihm Sorgen gemacht, weil zur gleichen Zeit ein großer europäischer Kongress von Augenchirurgen in Lissabon stattfinden könnte. Und eine Terminüberscheidung sollten wir unter allen Umständen vermeiden. Viele mögliche interessante Referenten würden sonst nicht kommen können.
Dass Lombardi wahrscheinlich auch kommen wollte, hat er mit großem Interesse aufgenommen und meinte, er müsse die Leute auch immer persönlich kennenlernen, um sie richtig einordnen zu können. Ich hatte das Gefühl, er war wirklich interessiert.
Um viertel nach neun gab mir der Doktor auf dem Flur noch seine Karte und sagte, er hoffe, wir sehen uns bald wieder. Und er rief mir noch hinterher, dass die Beule, wegen der ich eigentlich gekommen war, nur eine Bagatelle war, aber dass er ihr dankbar war, dass er mich dadurch kennen gelernt hat. Na wenn das nicht nett war.
Alles in allem war das ein wirklich spannender Abend für mich und als ich draußen war und kurz darauf im Zug nach Kiel saß, musste ich den Abend gleich in Stichworten aufschreiben, damit ich nicht alles vergesse!
Ich hoffe, ihr seid nicht eingepennt!
MARKUS